Podcast

#36 – Der Schuhkrieg von Cottbus

Der 1. FC Union Berlin hatte unter Trainer Heinz Werner in der Aufstiegsrunde 1981 nicht nur mit den gegnerischen Teams zu kämpfen, sondern auch mit den Schiedsrichtern. Doch was sie beim "Schuhkrieg von Cottbus" erwarten würde, hatte niemand erwartet.

Quellen:

  • „Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder“, Hanns Leske, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2004. 
  • „Und niemals vergessen – Eisern Union!“, Jörn Luther, Frank Willmann, Basisdruck, 1. Auflage, Berlin 2000.

Skript

Vorgeschichte

Sportlich war der 1. FC Union Berlin in den 70ern die zweite Kraft in Berlin. Denn der FC Vorwärts war unverständlicherweise 1971 nach Frankfurt/Oder gewechselt und damit in die endgültige Bedeutungslosigkeit verschwunden. Union selbst war im Status einer Fahrstuhlmannschaft angekommen und befand sich in einer sehr schwierigen Situation. Denn durch die Beteiligung von Unionfans bei den Krawallen am Alexanderplatz stand auch eine Auflösung des Vereins im Raum. Das Thema Auflösung des Vereins war Ende 1981 vom Tisch und ist mal etwas für eine extra Geschichte.

Doch die aktive Benachteiligung des Clubs zeigte sich nicht nur darin, dass man im Prinzip keinen Zugriff auf vielversprechende Nachwuchsspieler bekam und die eigenen sogar noch abgeben muss. Es wurde auch aktiv ins Spiel eingegriffen.

Heinz Werner, der damalige Trainer nennt als besondere Saison 1980/81, „als wir von den Schiedsrichtern gnadenlos verpfiffen worden sind und besonders in Auswärtsspielen, etwa in Cottbus – dem größten Gaunerspiel, das ich je erlebt habe – nicht die geringste Chance hatten.“

Die Liga Staffel B in der Saison 1980/81

Union spielte nach dem Abstieg 1980 in der Liga Staffel B, unter anderem gegen Dynamo Fürstenwalde, Halbleiterwerk Frankfurt, Stahl Eisenhüttenstadt, PCK Schwedt oder gegen Stahl und Motor Hennigsdorf. Auch wenn die Saison über nicht alles perfekt lief, erreichte Union souverän als Tabellenführer die Aufstiegsrunde. 

In der Aufstiegsrunde kämpften die 5 Staffelsieger gegeneinander um zwei Aufstiegsplätze. Das waren 1980/81 BSG Schiffahrt/Hafen Rostock, BSG Energie Cottbus, Chemie Buna Schkopau, Motor Suhl und eben der 1. FC Union Berlin. 

Union startete wirklich schlecht. Nach einem 0:0 gegen Cottbus im Heimspiel, verlor Heinz Werners Team 0:3 in Rostock. Zu Hause gegen Schkopau gab es ein 4:1 und zum Schluss der Hinrunde ein 0:0 in Suhl. Platz 4 nach der Hälfte der Spiele. 

Der Schuhkrieg von Cottbus

Am 30. Mai 1981 um 11 Uhr gab es also das Rückspiel gegen Cottbus, das Union unbedingt gewinnen musste, um überhaupt noch eine Chance auf den Aufstieg zu besitzen. 

Noch einmal Heinz Werner zur Situation vor dem Spiel:

„Da haben die Cottbuser Spieler auf dem Platz unseren Spielern gesagt, ihr könnt spielen wie ihr wollt, das Ding wird geregelt. Ich denke zu dem Zeitpunkt muss es einen Beschluss gegeben haben, also nicht offiziell, sondern inoffiziell. Mielke wollte, dass Union verschwindet. Da hat es Vorfälle an einem 1. Mai gegeben, die hat er zum Anlass genommen. Da waren ein paar Pop-Gruppen auf dem Alexanderplatz. Und da soll es angeblich sogar zwei oder drei Tote gegeben haben, was allerdings nie veröffentlicht wurde. Und da waren Leute mit Union-Schals dabei. Da hat Mielke irgendwann gesagt, jetzt muss Union verschwinden. Das war in diesem Jahr. Da hatten wir keine Chance zum Aufstieg. Wir waren stark genug, wir wären durchmarschiert. Da haben sie uns in Suhl verpfiffen, eiskalt, das war Habermann, und in Cottbus hat uns Stumpf niedergemacht, so etwas habe ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie erlebt.“

Heinz Werner vertut sich ein bisschen in der Erinnerung an die Alexanderplatz-Krawalle, die tatsächlich im Oktober 1977 und nicht am 1. Mai stattfanden. Darüber hast du bereits in Folge 2 erzählt. 

Aber der Trainer hat seiner Mannschaft vor dem Spiel eingetrichtert, dass sie nicht nicht nur gegen die Elf von Cottbus und die 12.500 Zuschauer spielen würden, sondern auch gegen die Schiedsrichter. Es könnten zwei Elfmeter gegen sie verhängt werden, und dann müssten sie eben drei Tore schießen. Auch sollten sie damit rechnen, dass korrekt erzielte Tore aberkannt werden, weshalb sie noch mehr Tore schießen müssten.

Womit aber niemand gerechnet hat, war der Schuhkrieg von Cottbus als Psychospielchen. Hören wir, wie Heinz Werner das schildert:

„Wir kommen raus und wollen zum Spiel. 15.000 Zuschauer, das war in Cottbus eine Menge. Ganz wichtige Sache, wenn wir gewinnen, sind wir durch. Der Stumpf kommt, die Mannschaft ist angetreten, ich immer noch bei der Mannschaft, was ich sonst nie mache, bis zum Sportplatz habe ich sie begleitet, wo ich schon nichts mehr zu suchen hatte. Da kommt der Stumpf und sagt: ‚Zeigen Sie bitte Ihre Schuhe!“ 

Wir hatten alle neue Adidas-Schuhe bekommen. Es war uns in der Tat geluungen, neue Adidas-Schuhe aus dem Westen zu besorgen. Da waren die Spieler ganz stolz. Der Stumpf sieht die Schuhe und sagt: ‚Sofort die Stollen wechseln, die Stollen sind falsch, sie entsprechen nicht internationalem Maßstab.‘ Da standen nun die Spieler und ich daneben. ‚Herr Werner, wir haben gar keine anderen Schuhe, die haben wir doch erst gerade gekriegt vergangene Woche.‘ Was habe ich gemacht? Darauf war ich ja auch nicht vorbereitet.

Habe die Mannschaft genommen, sind vom Platz gegangen in die Kabine. Der Spieler Rohde hat einen Schuh ausgezogen und in die Ecke geschmissen. ‚Wie sollen wir denn Fußball spielen?‘ Da habe ich ihn erst einmal angeschrien, dass er sich hinsetzen soll, ruhig. ‚Und nun will ich euch was sagen: Niemand wechselt hier Stollen, niemand wechselt hier Schuhe. Wir warten hier zehn Minuten. Und diese zehn Minuten wird das Publikum pfeifen. Und natürlich werden sie uns auspfeifen, aber der Schiedsrichter steht jetzt unter Druck, wir müssen ein Spiel machen.‘

Es hat nicht ein einziger seine Stollen gewechselt. Wir sind nach einer Viertelstunde hingegangen, mit einem riesigen Pfeifkonzert empfangen worden, der hat sich die Schuhe angeguckt und gesagt: ‚Ja, die sind jetzt richtig.‘ Das war nichts anderes, als die Mannschaft zu verunsichern. Darum ging es. Schon vor dem Spiel! Das ist unglaublich gewesen.“

Union ging in der 48. Minute mit 1:0 in Führung durch Uwe Borchardt. Doch in der 76. Minute gab es einen Ausgleich per Kopf durch Petrik Sander. Dann gibt es eine Entscheidung, die für mich schwer nachvollziehbar klingt und die die Berliner Zeitung von damals wie folgt beschreibt: „dann jagte Kulke nach einer völlig unverständlichen Entscheidung des Unparteiischen auf indirekten Freistoß im Strafraum den Ball ins Netz.“

Es war also das eingetreten, wovor Heinz Werner gewarnt hatte: Union war verpfiffen worden. Und der Aufstieg war im Prinzip vergeigt. Gegen Schiffahrt/Hafen Rostock gab es zwar danach ein 5:2, doch mit einer 0:2-Niederlage gegen Schkopau war alles hin. Das Spiel gegen Buna wurde von Prokop geleitet. Union hatte in 4 Auswärtsspielen nur ein Tor erzielt, was wirklich wenig war.

Tatsache ist aber auch, dass Union in den Spielen in Suhl, in Schkopau und in Cottbus mehrfach benachteiligt wurde. In diesen Spielen standen mit Adolf Prokop, Manfred Roßner und Bernd Stumpf Schiedsrichter auf dem Platz, die später durch Entscheidungen zum Vorteil des BFC Dynamo auffielen. Bernd Stumpf wurde nach dem sogenannten Schandelfmeter von Leipzig gesperrt und durfte in der DDR kein Spiel mehr pfeifen. Prokop, der als Offizier im besonderen Einsatz auf der Lohnliste des MfS stand wurde für zwei internationale Spiele nicht eingesetzt und gegen bestimmte Oberliga-Teams nicht mehr eingesetzt.

Union stieg mit einem Jahr Verspätung im Jahr 1982 wieder in die Oberliga auf.

On Air:

avatar
Daniel Roßbach
avatar
Sebastian Fiebrig
Die Musik wurde von David erstellt und die Logos von Steffi entworfen. Der Podcast beruht auf dem Konzept des famosen Geschichts-Podcasts Zeitsprung von Daniel Meßner und Richard Hemmer. Danke für alles!

Bewertet unseren Podcast oder schreibt Rezensionen bei iTunes oder auf Panoptikum.io. Ihr könnt "Und niemals vergessen" auch bei Spotify oder Deezer hören und abonnieren.

Keine Episode mehr verpassen!

2 Kommentare zu “#36 – Der Schuhkrieg von Cottbus

  1. Hallo Daniel und Sebastian,

    das war wieder eine sehr interessante Folge und ich wäre wie immer total glücklich. Warum aber Sebastian zum Anfang meine Heimatstadt dissen musste ist mir ein Rätsel. Komischerweise kommen diese Anflüge von Hauptstadtarroganz hauptsächlich von Zugezogenen. Der echte Berliner weis, das Ffo als letzte Bastion vor Berlin im zweiten Weltkrieg zu 90% zerstört wurde. Für den Wiederaufbau gab es kaum Geld, denn dass wurde bis zur Wende in Ostberlin „investiert“. Auch wenn Frankfurt ( Oder) auf dem ersten Blick keine sehr schöne Stadt ist, so ist es hier mit viel Natur, einer traditionell starken Union-Community, dem sehr spannendem Zusammenleben von Polen und Deutschen und den vielen netten Leuten sehr angenehm zu leben.

    So dass musste ich mal loswerden.

    Euer treuer Hörer

    Ralf

  2. Eine sehr schöne und interessante Folge. Weiter so.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.