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#32 – Der größte Union-Skandal, an den niemand mehr denkt

1994 wird der Bauunternehmer Manfred Albrecht Hauptsponsor bei Union. Wenig später beginnt eine undurchsichtige Affäre, in der Union und Albrecht das Gelände des heutigen Mellowpark für ein Investitionsprojekt zur Verfügung gestellt werden. Doch gebaut wird dort nie etwas, stattdessen nutzen Albrecht, Union und Berlin das Gelände, um Unions Schulden zu reduzieren. Eine Affäre, die sich sowohl wenig später als auch heute schwierig aufarbeiten lässt.

Ich versuche heute, über ein sehr komplexes Kapitel in Unions Geschichte so zu sprechen, dass man einigermaßen versteht, was grundsätzlich passiert ist. Das heißt, dass man viele Aspekte dabei außen vor lassen muss, und vielleicht können wir die später noch einmal ausfüllen. Aber ich finde wichtig und interessant, diese Geschichte überhaupt einmal zu erzählen, denn sie ist heute gedanklich weniger präsent als andere Chaos-Episoden in den Neunzigern, aber eigentlich auf der nach oben offenen Kaiserslautern-Skala vielleicht der größte Skandal.

Es geht um das Engagement von Manfred Albrecht und eine Affäre, die ich mal unter den Titel “Union-Sportpark” stellen will – nicht zu verwechseln mit dem Sportpark Sadow, dessen Geschichte wir hier ja schon beleuchtet haben.

Ausgangsposition

Was ist die Situation: Union hat nach mehreren fehlgeschlagenen Aufstiegsversuchen 1994 sehr hohe Schulden, steht vor dem Konkurs und der Bauunternehmer Manfred Albrecht ist als Hauptsponsor seit September 1994 an derjenige, in den Hoffnung gesetzt wird.

Das zeigt dieser Satz aus dem August 1995, den man so in dieser Zeit aber immer wieder mal in verschie: “Wäre er nicht gewesen, würde es heute keinen 1. FC Union mehr geben”, erinnert sich der damalige Manager und jetzige Präsident Dr. Horst Kahstein.

Wie immer in den Neunzigern schwankt Union aber dazwischen, Pleite zu sein, und Geld, das da zu sein scheint, auch gleich auszugeben:

Im Juli 1995 schreibt die Taz also:
Auch der 1. FC Union hat sich wieder einiges vorgenommen. Dank des finanziellen Engagements des Bauunternehmers Manfred Albrecht konnten die Wuhlheider den Konkurs gerade noch vermeiden und sogar fünf ehemalige Zweitligaspieler verpflichten.
In dem selben Beitrag gibt es übrigens das als satirische Vorhersage für die Saison: “Im April 1996 flieht Sponsor Albrecht, der sich mit dem Bau eines 300-Millionen-Einkaufszentrums in Köpenick übernommen hat, nach Florida. Vier Spieltage vor Saisonende, Union belegt souverän Platz Eins der Tabelle, muß der Verein mit 12 Millionen Mark Schulden Konkurs anmelden.” Das ist nicht so falsch geraten, wie man sich wünschen würde…

Tatsächlich gibt es schon im Oktober Spannungen zwischen Union und Albrecht. Zum einen passiert dann eine sportliche Krise mit der Entlassung von Hans Meyer – das ist eine eigene Folge, aber dabei deuteten sich eben auch Probleme mit Albrecht an. Denn die Berliner Zeitung schreibt:

Inzwischen galt Meyer als Kritiker der wirtschaftlich schwierigen Situation im Verein. Ihm behagte es nicht, daß Union “auf Gedeih und Verderb” vom Hauptsponsor, dem Dortmunder Gönner und Bauunternehmer Manfred Albrecht abhängig sei. Trotzdem wehrt sich Meyer gegen Vorwürfe, er habe gegen die Firma Albrecht argumentiert. “Das ist eine klare Lüge”, so Meyer, “das einzige, was im Verein wirklich funktioniert, ist die Mannschaft und das Engagement von Herrn Albrecht.”

Aber wie hat sich Manfred Albrecht eigentlich bei Union engagiert? Zu Beginn hat er 250k Euro gezahlt – nach einem kurzen Gespräch mit Kahstein auf einem Empfang, auf dem sich beide treffen, Albrecht fragt, wie viel Geld der Verein sofort braucht (“eine halbe Million wäre gut”). Albrecht gibt Union 250 Tausend Mark, und wird damit schnell eine zentrale Figur, umso mehr, als Kahstein und er auch beruflich zusammenarbeiten – beziehungsweise Kahstein Posten in Albrechts Firma übernimmt. Der ist dann als Hauptponsor aufgetreten, und schließlich als Investitions-Partner. Und darum dreht sich die eigentliche Affäre.

Die Affäre

Worum es bei der Affäre geht und wie die verlaufen ist, ist wirklich nicht einfach zu verstehen. Um das zu versuchen, will ich einmal sagen was die Startposition war, und was dabei herauskam – und dann ein paar der Details erklären:

Vorhaben:

Manfred Albrecht soll mit öffentlicher Kofinanzierung eine private Investition tätigen, um ein Gelände in Köpenick – das gegenüber vom Stadion – zu entwickeln und Sportstätten (etwa des Köpenicker Sport-Verein, der auf dem Gelände zu hause ist) zu renovieren. Und das ganze soll Union unterstützen.

Das Ergebnis

Das angebliche Bauvorhaben wird nie umgesetzt oder auch nur gestartet.

Union ist laut Kahstein immer noch oder wieder in einer dramatischen Lage und Konkursgefahr, hat aber “nur noch” 1,8 Mil Schulden. Das Land Berlin ist mit Hypotheken Darlehen für WH250 über 12 Millionen plus 750k Zinsen belastet, davon muss 7 Millionen der Bezirk Köpenick tragen. Ein AbgH Mitgl (Dietmar Volk) beziffert 1997 den Schaden für das Land auf 20 Millionen Mark.

Matze Koch fasst das in seinem Buch so zusammen: Der Steuerzahler durfte also für ein Bauvorhaben in Köpenick blechen, das nie umgesetzt wurde. Stattdessen wurde das Geld vom vermeintlichen Investor Manfred Albrecht aus Dortmund ausgegeben. Hauptsächlich zur Entschuldung des 1. FC Union. Die erwies sich jedoch – wie das ganze Projekt – als ein Fass ohne Boden.

Ablauf

Im Februar 1994 beginnt das damit, dass der Senat Union “eine Option einräumt” auf dem Gelände An der Wuhlheide 250 eine “multifunktionale, überwiegend kommerziell ausgerichtete Sportanlage” zu bauen
Was soll das sein? Ein “multifunktionaler Sport-, Kultur- und Gewerbekomplex”

Union soll also ein Erbbaurecht bekommen, sieht den Äußerungen der Vereinsfunktionäre nach aber keine Möglichkeit, selber etwas umzusetzen, und will das Recht deshalb an Albrecht weiter geben.

Im März 95 verpflichtet Albrecht sich, Union 15M zu zahlen, zwölf davon, wenn der Erbbaurechtsvertrag zu Stande kommt, drei nach Fertigstellung des Projekts.

Dietmar Volk sagt darüber zwei Jahre später: Diese Vereinbarung vom 1. März 1995 ist ein Skandal sondergleichen. Daraus geht klar hervor, daß die Firma Albrecht 15 Millionen Mark an FC Union für das Anrecht auf ein Grundstück zahlte, über das der FC Union gar nicht verfügte.
Die Senatsfinanzverwaltung wußte angeblich immer nur von der Beleihung. Sie wußte bis zum letzten Geldfluß von sieben Millionen im letzten Jahr nicht, daß es die oben erwähnte Vereinbarung zwischen Albrecht und FC Union gab. Die Finanzverwaltung wußte auch nicht, daß der Erbbaupachtvertrag mit Gewinn für den FC Union weitergegeben wurde.

Was bis hierhin also zu passieren scheint: ein öffentliches Grundstück wird Union überlassen, um die Rechte daran einem privaten Investor zu verkaufen.

Aber im April 95 kommt es zu einem Erbbaurechtsvertrag direkt zwischen Albrecht und dem Senat
Der soll über 50 Jahre laufen, und nennt als Inhalt drei verschiedenen Spielfeldern, Tennisanlagen, zwei Sportfunktionsgebäude, eine Tischtennishalle, eine Kegel- und Bowlinghalle, ein Sporthotel, Kino-Center, Diskothek, Sportkaufhaus, einem Künstleratelier sowie Parkplätzen. Wir kennen das ja alle, wie wir in Bowlinghallen gehen, davor noch kurz auf eine Vernissage auf der anderen Seite des Gangs und dann um wirklich Sport zu machen noch ein bisschen Tennis spielen, bevor wir den Abend mit einem Film im Kino ausklingen lassen.

Das umfasst dem Vertrag nach Investitionen von 150M DM. Das Land überlässt Albrecht dabei das Grundstück großteils umsonst, einen kleinen Teil zu einem im Vergleich zum Markt-üblichen verringertem Erbbauzins

Die große Frage, die sich jetzt auf der Sachebene stellt, ist: Warum soll Albrecht an Union zahlen, wenn er selber mit der Stadt den Vertrag abschließt? Das deutet schon darauf hin, dass es nie darum ging, das wirklich zu bauen. Denn wenn das das Ziel wäre, bräuchte man die Einbindung des Vereins nicht.

Und das bringt uns auch zu der anderen großen Frage: Warum macht das Land bei diesen Vorgängen mit? Beziehungsweise macht es im Dezember 1995 sogar zu einer Auflage dafür, das Grundstück mit einer Hypothek von 5M DM zu belasten, dass damit Schulden von Union getilgt werden?

Man könnte sagen, dass dabei eine Rolle spielt, dass Steuern ein nicht kleiner Teil der Schulden sind. Das Land war mit 2 Millionen größter Gläubiger, aber diese Schulden werden ja letztlich mit Landesvermögen bezahlt.

Aber vor allem gibt es einen beteuerten politischen Willen, einen vor allem in ex-Ostberlin populären Verein zu unterstützen – eben das Prinzip, das man aus Kaiserslautern kennt.

Auch das Vorhaben, Union finanziell zu entlasten funktioniert übrigens nicht so richtig: Mit dieser Hypothekt will Union beim DFB seine Bonität beweisen, aber das klappt nicht, weil das Grundstück ihnen ja nicht gehört.

Das Prinzip, aus dem Grundstück und dem imaginären Bauvorhaben Geld zu machen, wird weiter angewandt:
Im Februar 96 erfolgt eine Belastung mit weiteren 7M, der Bezirk Köpenick übernimmt das Ausfall-Risiko. Union nutzt fünf Millionen davon, um Schulden zu tilgen. Und Albrecht nimmt Kredite auf, für die letztlich die öffentliche Hand bürgt, weil ihr das Grundstück das als Sicherheit dient gehört

Gleichzeitig wird noch beteuert, die Fertigstellung solle bis Ende 97 erfolgen, auch der Senat meldet daran keine Zweifel an. Dabei wird in echt nicht einmal damit begonnen und es ist eigentlich klar, dass da auch nichts passiert

Zu versuchen, die ganzen Prozesse und Geldflüsse nachzuvollziehen, ist sehr schwer und unübersichtlich, weil nie klar ist, welches Geld wohin fließt und ganz viel einfach nicht korrekt bilanziert und nachgeprüft wird. Man liest also viele Details, die chaotisch und problematisch sind und immer ähnliche Geldflüsse beschreiben, aber nicht stringent zu vervolgen sind.

Das gilt im wesentlichen auch für die Aufklärungsarbeit im Berliner Abgeordnetenhaus, das einen Untersuchungsausschuss einsetzt. Dort werden zwar zum Beispiel der zwischenzeitige Senator für Finanzen und spätere Wirtschaftssenator Elmar Pieroth (CDU), Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing und Finanzstaatssekretär Peter Kurth (CDU) oder Köpenicks Bürgermeister Klaus Ulbricht befragt. Viele Zusammenhänge und Verantwortungen können aber auch dort nicht aufgeklärt werden. Zum Beispiel sind 1,3 Millionen Mark aus den Hypotheken lange “unauffindbar” und werden später auf einem Konto von Albrechts Anwalt vermutet.

Das Bild, das sich aber ergibt, ist das an vielen Stellen Geld zweckentfremdet wurde, und sich auch nicht an die teils ja selber fragwürdigen Abmachungen mit dem Senat über die Einbeziehung von Union in das Finanzierungsgeflecht gehalten wurde.

Kahstein wird von diesem Ausschuss mehrfach vorgeladen, erscheint aber nicht, und als er das dann tut, ist er von kritischen Fragen beleidigt.

Gegen Fugmann-Heesing (die auch noch einige andere Skandale zu verantworten hatte) und Ulbricht gibt es auch Strafanzeigen des Bund der Steuerzahler, sie werden aber nicht angeklagt oder verurteilt. Ulbricht sitzt noch bis 2007 im Aufsichtsrat von Union.

Dagegen kommt Albrecht – auch wegen einer anderen Sache, in der ihm Erpressung vorgeworfen wird – in Untersuchungshaft und es wird Anklage gegen ihn erhoben. In Zusammenhang mit diesen Machenschaften wird in Medienberichten auch Horst Kahstein erwähnt.

On Air:

avatar Daniel Roßbach
avatar Sebastian Fiebrig
Die Musik wurde von David erstellt und die Logos von Steffi entworfen. Der Podcast beruht auf dem Konzept des famosen Geschichts-Podcasts Zeitsprung von Daniel Meßner und Richard Hemmer. Danke für alles!

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3 Kommentare zu “#32 – Der größte Union-Skandal, an den niemand mehr denkt

  1. Vielen Dank für den Podcast. Ich musste ihn zweimal hören und habe immer noch nicht alle Zusammenhänge begriffen.. Trotzdem ist eine Wissenslücke bei mir geschlossen worden. Ein wirklich wichtiges, wenn auch düsteres Kapitel der Uniongeschichte der Nachwendezeit.
    Danke für die Mühe und Recherche.
    EISERN!

  2. Lieber Daniel, absolut spannende Geschichte, gerade mit dem Abstand von 25 Jahren. Interessant in diesem Zusammenhang, die “Aufarbeitung” des Falles durch Präsident Horst Kahstein, erschienen im Union-Programm 1 der Saison 96/97. Hier schreibt er: “In diesem Zusammenhang auch noch einige Worte zu Herrn Manfred Albrecht. Er hat uns in einer Situation, als uns das Wasser bis zum Halse stand, wirklich sehr geholfen. Andererseits hatte er offensichtlich auch die falschen Berater, denn seine momentanen Probleme haben mit unserem Verein nichts zu tun., auch wenn es zuletzt in einigen Zeitungsartikeln anders dargestellt wurde.” So leicht kann man es sich machen…

  3. Sehr interessante Geschichte! Ihr spricht ja von der Schwierigkeit die Unterlagen des Untersuchungsausschusses zu finden. Mir ist jetzt nicht mehr klar ob ihr den Schlussbericht oder die Einzelunterlagen meintet. Der Bericht hat ja 52 Seiten, leider keine Anlagen in der PDF-Version: https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/13/DruckSachen/d2745.pdf

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