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#15 – Warum auf der Meisterschale Union Berlin als Meister steht

Auf der Meisterschale der Bundesliga steht Union Berlin als Meister von 1905 und wirft immer wieder die Frage auf, ob es sich um einen Vorgängerverein des 1. FC Union handelt. Das stimmt nicht, aber beide Vereine treffen sich in der Geschichte und der 1. FC Union trägt bis heute einen Teil dieser Geschichte in seinem Namen. Der Grund liegt darin, wie der Berliner Fußball sich mit einer Vielzahl von Verbänden um die Jahrhundertwende entwickelte.

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Heute geht es mal um die Deutsche Meisterschaft und zwar darum, dass auf der Meisterschale, die jedes Jahr der FC Bayern überreicht bekommt und manchmal auch ein anderer Verein, auch der Name Union Berlin auftaucht. Und zwar hinter dem Jahr 1905. Das führt häufig zu der Frage, ob der 1. FC Union beziehungsweise einer seiner Vorgängervereine nicht doch schon einmal Deutscher Meister war. Sehr viele fragten sich das, glaube ich 2009, als auf dem Sonderheft des Magazins 11Freunde ein Ausriss der Meisterschale sehr groß abgebildet war und deutlich zu lesen war „1905 Union Berlin“.

Die Antwort ist schwierig: Denn im Prinzip hat der 1. FC Union gar nichts damit zu tun und gleichzeitig hat das Ganze aber doch so einiges über Bande mit dem 1. FC Union und seiner Vereinsgeschichte zu tun.

Um es von vornherein klar zu machen: Da die Vorgängervereine des 1. FC Union erst 1906 und später gegründet wurden, gibt es keine klare Linie zur Deutschen Meisterschaft von 1905. Es bleibt also dabei: Union war noch niemals Deutscher Meister. Weder im Kaiserreich, der Weimarer Republik, im Dritten Reich, der Nachkriegszeit, der DDR und auch nicht in der Bundesrepublik Deutschland.

Doch wer war dann eigentlich Deutscher Meister 1905? Und warum steht auf der Meisterschale, die der DFB seit 1949 überreicht, überhaupt „Union Berlin“?

Kurz zur Meisterschaft von 1905: Zweiter Deutscher Meister wurde der Berliner Thorball und Fußballclub Union 92. Die Meisterschaft des DFB wurde damals erst das dritte Mal ausgetragen, was einige Komplikationen mit sich brachte. Denn es gab das Neutralitätsgebot: Die K.o.-Spiele mussten alle auf einem neutralen Platz stattfinden. Deshalb war der eigentliche Meister von 1904, Britannia Berlin, disqualifiziert und kein Titel vergeben worden. Die Reisen zu den neutralen Plätzen waren einigermaßen kostspielig für Klubs, die sich gerade erst gegründet hatten. So hatte der SC Schlesien Breslau sich nach dem Erstrundensieg gegen Alemannia Cottbus zurückgezogen, weil er die Reisekosten nach Leipzig nicht aufbringen konnte. Und auch der VfB Leipzig (2 Jahre zuvor noch erster Deutscher Meister) zog sich zurück.

Union 92 gewann sein erstes Spiel gegen den FuCC Eintracht Braunschweig mit 4:1. Diese Viertelfinale-Partie fand in Magdeburg statt. Eigentlich hätte man durch den Spielverzicht von Breslau ein Freilos gehabt (das wurde ausgelost), aber die Partie wurde dann kurzfristig vom DFB angesetzt. Das einzige Halbfinale (der Karlsruher FV hatte ein Freilos) gewann Union 92 gegen den Dresdner SC mit 5:2 (in Leipzig).

Das Finale fand in Köln vor gut 3.500 Zuschauern statt. Union besiegte Karlsruhe mit 2:0. Eine witzige Anekdote gab es noch. Weil der Berliner Torhüter Paul Eichelmann vom Vorabend noch angetrunken war, wurde er von seinem Klub gesperrt und der zweite Keeper Willy Krüger durfte das Finale spielen. Auch wenn er so um einen Endspiel-Einsatz gebracht wurde, hat Paul Eichelmann etwas einmaliges geschafft. Denn er ist der einzige Spieler, der sowohl bei den Ur-Länderspielen vor DFB-Gründung 1899 und in den richtigen Länderspielen des DFB fast ein Jahrzehnt später zum Einsatz kam.

Wie kommt es nun dazu, dass auf der Meisterschale „Union Berlin“ steht. Dazu muss man wissen, dass die Schale Ersatz war für die nach Kriegsende bis zur Deutschen Einheit verschollene Meister-Trophäe Victoria. Auf der war das Emblem des jeweiligen Meisters mit Namen als Plakette angebracht. Die Meisterschale wurde als Ersatz 1948 in Köln angefertigt und wahrscheinlich war es eine einfache Verkürzung, da BTuFC Union 1892 einfach keine klare lokale Verbindung erkennen ließ. Erstens gab es den Verein schon lange nicht mehr und so wie Hertha BSC gerne mal das Berlin angehängt wird, dürfte es hier auch passiert sein. Zumal es 1948 auch gar keinen Verein gab, der Union Berlin hieß. Es gab die SG Union Oberschöneweide.

Mit dem 1. FC Union Berlin hat das aber schon auch etwas zu tun. Denn wie war das im Berlin nach der Jahrhundertwende? Fußballvereine gründeten sich schnell und lösten sich auch schnell wieder auf. Beispielsweise wenn ihnen der Sportplatz durch Wohnbebauung abhanden kam oder die Sachen wie Bälle oder Tore abhanden kamen. So wie dem FC Olympia in Oberschöneweide, einem Vorgängerverein des FC Olympia Oberschöneweide, der sich 1906 gründete und auf den sich der 1. FC Union in seiner Tradition beruft. Und dann gab es noch die Schwierigkeit mit den Verbänden. Denn auch wenn sich der DFB 1900 gegründet hatte, gab es viele konkurrierende Verbände in Berlin und Brandenburg.

Ich nenne mal einige: Verband Deutscher Ballspielvereine (ab 1902 auf Bitten des DFB in Verband Berliner Ballspielvereine umbenannt), Deutscher Fußball und Cricket-Bund, Bund Deutscher Fußball-Spieler, Märkischer Fußball-Bund, Fußball- und Athletik-Verband, Verband Berliner Athletik-Vereine. Manche haben nur kurz existiert andere über 10 Jahre. Für die Meisterschaft des DFB hatte das zur Folge, dass es ständig wechselnde Modi gab, wie der Berliner Meister aus diesen Verbänden ermittelt wurde. Der Verband Berliner Ballspielvereine, der heute als Berliner Fußballverband bekannt ist, gliederte sich als Regionalverband in den DFB ein und stellte dann 1910 den Antrag, dass nur Meister des Verbandes an den Deutschen Meisterschaften des DFB teilnehmen dürfen.

Für neugegründete Vereine gab es zwei Gründe, einem Verband beizutreten: Einheitliche Regeln innerhalb des Verbandes und einen Meisterschaftsbetrieb. Letzteres führte dazu, dass man mehr Mitglieder werben konnte. Es war allerdings gar nicht so einfach, einem Verband beizutreten, weil die teilweise Regeln hatten, die gar nicht so einfach zu erfüllen waren. Erst recht nicht, wenn man beispielsweise gar kein Berliner Klub war wie Oberschöneweide, das erst mit der Schaffung von Groß-Berlin im Jahr 1920 zu Berlin gehörte. Bis dahin war es trotz der ansässigen Industrie eine selbständige Landgemeinde.

So sind die Schöneweider Jungs, die 1906 den FC Olympia gegründet hatten, 1907 als Oberschöneweider Abteilung dem Berliner Thorball- und Fußball-Club Union 92 beigetreten und waren damit automatisch Mitglied im Verband Berliner Ballspielvereine. Innerhalb des Klubs entwickelte sich die Abteilung Oberschöneweide von der 4. zur 2. Mannschaft und machte sich ab 1910 selbständig. Vom BTuFC Union 92 entlieh man sich als Dankbarkeit für die Entwicklungshilfe den Namen Union und die Vereinsfarben Blau-Weiß. Und wenn man sich das Wappen des nunmehr neu gegründeten SC Union Oberschöneweide anschaut, dann ist wohl auch das an das des BTuFC Union 92 angelehnt.

In der wechselhaften Geschichte mit wahnsinnig vielen Umbenennungen und Neugründungen nach dem 2. Weltkrieg hat der 1. FC Union Berlin auf jeden Fall das Union tatsächlich vom Deutschen Meister von 1905. Das kann man schon sehr klar behaupten. Also hat Union Berlin von 2019 zwar nichts mit der Meisterschaft von Union Berlin von 1905 zu tun, aber immerhin den Namen von dort.

Themenpate: Das ist @uulrichsen, der mich mit einem Tweet wieder auf die Geschichte brachte, in dem er zu einem Bild der Meisterschale mit deutlich erkennbaren Meister „1905 Union Berlin“ schrieb: „Immer Ziele vor Augen haben.“

Und vielleicht noch ein kleines Schmankerl zum Schluss. Der BTuFC Union 92 fusionierte 1927 mit dem Berliner FC Vorwärts 1890 zu Blau-Weiß 90, die immerhin auch mal Bundesligist waren.

Und wer sich einen ersten Eindruck davon verschaffen möchte, wie Fußball sich in Berlin entwickelte, bekommt einen guten Überblick im Buch „Fußball in Berlin, Spieler-Vereine-Emotionen, 1880 bis heute“ von Henry Werner, das im Zusammenhang mit der Fußballroute Berlin erschienen ist.

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Die Musik wurde von David erstellt und die Logos von Steffi entworfen. Der Podcast beruht auf dem Konzept des famosen Geschichts-Podcasts Zeitsprung von Daniel Meßner und Richard Hemmer. Danke für alles!

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