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#11 – Schneeschippen für das DFB-Pokal-Halbfinale gegen Mönchengladbach

Am 6. Februar 2001 soll das DFB-Pokalhalbfinale zwischen dem 1. FC Union Berlin und Borussia Mönchengladbach stattfinden. Doch starker Schneefall droht die Ansetzung zu verhindern. Bis der Verein den Aufruf startet: "Unioner, helft uns!"

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Heute geht es um ein Thema aus der jüngeren Unionvergangenheit, das sicher sehr stilprägend für Union in einer Zeit war, in der der Verein noch nicht über die professionellen Strukturen wie heute im Jahr 2019 verfügte. Das schließt sowohl die Infrastruktur ein (das Stadion gehörte damals noch dem Land Berlin) als auch die personelle Ausstattung der Geschäftsstelle.

Es geht um das DFB-Pokal-Halbfinale gegen Borussia Mönchengladbach am 6.2.2001 und vor allem davon, wie der Rasen bespielbar gemacht wurde. Das berühmte Schneeschippen. Denn das ist wirklich eine Herzschlag-Story.

Das erste Mal kommt das Wetter am 4. Februar zur Sprache. Denn da schneit es sehr viel und das ganze Stadion liegt unter einer relativ hohen und dichten Schneedecke. Da damals die Tribünen noch nicht überdacht sind, war selbst bei einer Bespielbarkeit des Rasens die Sicherheit der Zuschauer in Gefahr. Unter der Überschrift „Union bangt um Pokal-Hit“ zitiert der Berliner Kurier den damaligen Präsidenten Heiner Bertram:

„Wir müssen heute [Anmerkung: meint am 5. Februar] schauen und entscheiden. Ich habe Angst, dass das Spiel nicht stattfinden kann. Vielleicht lässt sich der Platz räumen. Unser Sponsor ist die BSR.“

Für den 5. Februar waren Plusgrade angekündigt. Da denkt man: Kein Problem, einfach abschmelzen lassen. Das war aber aus zwei Gründen keine gute Idee. Denn erstens war unklar, wie lange der Schnee zum Abschmelzen bräuchte. Und zweitens hätte der Platz wahrscheinlich vor der Wassermenge kapituliert, auch wenn Zeugwart Detlef Schneeweiß damals sagte, dass der Rasen „sehr viel Wasser schlucken könne.“ Auch problematisch war, dass der Schnee abtransportiert werden musste, da es nicht reichte, ihn einfach vom Rasen zu schieben. Denn dafür bietet das Stadion an der Alten Försterei nicht genügend Platz.

Unter all diesen Umständen muss man ganz klar sagen, dass eigentlich alles für eine Spielabsage sprach. Außer genau einer Sache: Schiedsrichter Dr. Helmut Fleischer kam erst am 6. Februar nach Berlin und deshalb würde erst am Spieltag um 10 Uhr würde eine Platzbegehung mit dem Schiedsrichter stattfinden. Das heißt: Union hatte den kompletten 5. Februar Zeit, um den Platz in Form zu bringen.

Union versprach sich sicher auch einen Vorteil aus der Tatsache, dass Mönchengladbach auf mehrere Stammspieler verzichten musste. Und außerdem lief es für die Borussen in der Vorbereitung auf das Halbfinale nicht so gut. Das Zweitligaspiel in Ulm fiel aus, es fand sich keine Reisemöglichkeit nach Berlin. Deshalb zogen sie nach Stuttgart, wo sie auf Kunstrasen trainierten (vermittelt durch den damaligen VfB-Manager Rolf Rüssmann, vorher Mönchengladbach) und in Berlin fanden sie auch nichts und trainierten nach Vermittlung von Ingo Schiller (heute Geschäftsführer Finanzen bei Hertha BSC, damals schon bei Hertha und früher Marketingchef bei Mönchengladbach) trainierten sie in Berlin in einem Hangar im Flughafen Tempelhof, der damals noch in Betrieb war. (Berliner Zeitung)

Das Wetter half Union nur bedingt. Es schneite zwar nicht, aber ansonsten war alles dabei, was man nicht gebraucht hätte. Der Boden war gefroren, weshalb er nun auch abschmelzendes Wasser nicht aufnehmen konnte. Es waren Plusgrade, weshalb es einerseits getaut hatte und andererseits über Nacht sich auf dem Schnee eine Eisschicht gebildet hatte. Und es nieselte, was dazu führte, dass der Regen sich auf dem gefrorenen Boden zu Eis verwandeln würde. Der Schnee auf den Stehplätzen taute durch die Verwehungen nicht schnell genug.

Und so klang der Schnee auf dem Rasen am 5. Februar: O-Ton aus “Ball-Haus des Ostens” vom SFB

Und das sagte Gladbachs Trainer Hans Mayer dazu: O-Ton aus “Ball-Haus des Ostens” vom SFB

Also entschied Union endgültig: Der Schnee muss weg. Unions damaliger Vizepräsident Bernd Hofmann sagte dazu: „Wenn wir den Schnee nicht wegräumen, gibt es eine Schlammschlacht. Denn der Boden ist ja gefroren, da kann das Wasser nicht ablaufen.“

Und so kam es zum legendären Aufruf: Unioner helft uns!

Der wurde über Website und Radio ausgespielt (damals gab es noch kein mobiles Internet). Und zusätzlich hatte Sven Schlensog die Union-Fanklubs abtelefoniert.

Aufruf des Vereins auf der Website:

Der 1. FC Union Berlin braucht seine Fans und bittet euch, bei der Schneeräumaktion um Unterstützung. Um 15 Uhr soll die „Mission Impossible“ starten. Die Firmen Siebert Oetzel Baugroßhandel GmbH und Hellweg Baumärkte haben dem 1. FC Union Berlin spontan bei der Beschaffung der Schneeschieber geholfen. Für Glühwein, Bier und Würstchen ist gesorgt. Jedes Helferlein erhält zusätzlich eine Freikarte für das Schlagerspiel in der Regionalliga gegen Eintracht Braunschweig. Also Unioner, helft uns, wir wollen morgen ins Endspiel einziehen – alle zusammen.

Aufruf des Vereins durch Fanbetreuer Sven Schlensog über Berliner Radiosender: O-Ton aus “Ball-Haus des Ostens” vom SFB

Was passierte also? 15.30 Uhr ging es auf den Traversen mit über 100 Fans los. Und 16 Uhr waren die freigeräumt. Und ab 16 Uhr wurde das Spielfeld geräumt.

Die Unioner fuhren mit Schneeschippen über den Rasen und die Stehplatztribünen und befreiten sie vom Schnee. Das war gar nicht so leicht, wie es sich anhört, denn die Stufen auf den Tribünen waren damals nicht betoniert, sondern Bordsteine hielten jeweils die Erde. Zudem waren die Stufen abgetreten (sagen jedenfalls die Unioner gerne). Wie auch immer, sie waren krumm und schief. Da konnte man also gar nicht so einfach mit dem Schneeschieber langfahren. Außerdem musste der Schnee ja auch weg. Aber das Schippen ging erstaunlich schnell.

Und ähnliches galt für den Platz. Ich war bei der Aktion auch dabei und hatte dafür meine Uni geschwänzt. Uns wurde klar gesagt, dass wir auf keinen Fall den Rasen mit wegrasieren sollten. Denn das war die eigentlich große Gefahr damals. Dass der Platz auf Wochen hinaus unbespielbar wird. Wir schoben also den Schnee zusammen und schippten ihn in Schubkarren, mit denen er abtransportiert wurde. Und all das knapp 24 Stunden vor dem geplanten Anpfiff im Halbfinale.

Bernd Hofmann sagte dazu in der Berliner Zeitung: „Unter dem Schnee sieht der Platz ganz gut aus. Ein bisschen Nieseln dürfte der Platz verkraften. Aber wenn der große Regen kommt, kann das Wasser wegen des gefrorenen Rasens nicht versickern und dann bilden sich Pfützen.“

Aber es lässt sich zusammenfassen: Am Abend des 5. Februar war die Wahrscheinlichkeit für einen Anpfiff gestiegen.

Die Stimmung war ganz gut und man kann durchaus behaupten, dass das Team Pfanneheiß schon damals ein paar Vorläufer hatte, wenn wir uns diesen Fan nach dem Schneeschippen anhören: O-Ton aus “Ball-Haus des Ostens” vom SFB

Wir sind jetzt am Dienstag, dem 6. Februar, und um 10 Uhr findet die Platzbegehung statt. Ich zitiere mal den gesamten Text von Mathias Bunkus aus dem Berliner Kurier über die Platzbegehung:

Der Wettergott ist ein Berliner. Genauer gesagt, er muss ein Fan der “Eisernen” sein. Denn als FIFA-Schiedsrichter Dr. Helmut Fleischer gestern um 10 Uhr zwecks Platzinspektion in der “Alten Försterei” erschien, präsentierte sich das Stadion in einem unerwartet guten Zustand. Ein kurzer Rundgang, ein prüfender Blick in den wolkenverhangenen Himmel, dann legte sich der 36-Jährige fest: “Es geht. Wenn es nicht noch aus Eimern schüttet, pfeifen wir an.” Erleichterung pur bei den Union-Offiziellen um Heiner Bertram. Auch Gladbachs Manager Christian Hochstätter war zufrieden. “Klar ist der Boden tief und rutschig. Aber ich habe schon Plätze gesehen, die in einem weit schlechteren Zustand waren”, meinte der Ex-Profi. “Wir sind ja schon seit Sonntag in Berlin. Da wollten wir nicht unverrichteter Dinge wieder abziehen.” Dank der kurzfristig anberaumten Räumungsaktion vom Montag, als die “Eisernen” mit Schneeschippen und Besen bewaffnet die Ränge und das Spielfeld bearbeitet hatten, war von der weißen Pracht auf dem Rasen nichts mehr zu sehen. Nur der Platzwart war nicht glücklich: “Der hat Angst, dass wir hier ab morgen Kartoffeln anpflanzen könnten”, meinte Manager Oskar Kosche, “aber da muss er durch”.

Und so kam es zum legendären Pokal-Halbfinale gegen Borussia Mönchengladbach, das gleich mehrere Premieren für Union bereithielt:

  • Es war das erste ausverkaufte Spiel im Stadion an der Alten Försterei seit der Wiedervereinigung
  • Es war das erste Spiel des 1. FC Union, das deutschlandweit (also beide Deutschlands) live übertragen wurde (6,83 Mio Zuschauer)
  • Und die kleine Sitzplatztribüne hatte eine Überdachung bekommen, die erstmals in diesem Spiel eingeweiht wurde

Drittligist Union dominierte in der ersten Halbzeit die Borussen, führte aber nur 1:0 durch Bozo Djurkovic. Steffen Menze hätte bereits in der 4. Minute das 1:0 schießen müssen. In der zweiten Halbzeit musste Daniel Ernemann in der 60. Minute verletzt raus. Der Verteidiger spielte in der Partie vorgezogen im Mittelfeld, um die Kreise von Markus Hausweiler zu stören, dessen Vorlagen Union fürchtete.

In der 61. und 67. Minute traf der Niederländer Arie van Lent jeweils nach Hausweiler-Vorlagen und eigentlich sah alles nach einem Gladbacher Sieg aus. Doch nach einer Freistoßflanke vom gerade aus Uerdingen zu Union ausgeliehenen und in der 69. Minute eingewechselten Daniel Teixeira traf Steffen Menze per Kopf zum Ausgleich. Ich glaube, dass bis auf den Schiedsrichter alle gesehen haben, dass das Abseits war. Und zwar nicht zu knapp.

Die Verlängerung war meiner Erinnerung nach eine reine Abwehrschlacht. Und dann kam es zum Elfmeterschießen. Dazu muss man wissen, dass es im Sommer zuvor im Aufstiegsrelegationsspiel in Osnabrück zu einem legendären Elfmeterschießen nach Hin- und Rückspiel kam, das Union nach 11 Schützen auf beiden Seiten noch verlor und dem Klub das Scheitern in wichtigen Momenten immer noch nachhing. Nicht ohne Grund wurde der Verein auch „die Unaufsteigbaren“ genannt. Immerhin probierten sie es seit 1991 erfolglos, in die Zweite Liga aufzusteigen. Umso erstaunlicher diese Wette von Steffen Menze und Jens Tschiedel: Tschiedel wäre 5. Torschütze gewesen und hatte um 100 Mark gewettet, dass er gar nicht antreten müsse, weil Union das vorher klar macht (Berliner Kurier). Menze, der in Osnabrück den Matchball als Elfmeter vergab, glaubte nicht daran.

Im Elfmeterschießen hielt Sven Beuckert die Gladbacher Elfmeter von Arie van Lent und Max Eberl und Union traf alle, so dass Ronny Nikol als vierter Schütze den entscheidenden Elfmeter versenkte. Hier die Radioreportage vom Elfmeterschießen.

O-Ton: Elfmeterschießen Radioreportage

Was passierte nach dem Elfmeterschießen:

Beim Platzsturm nach dem Abpfiff wurde Arie van Lent von Maskottchen Ritter Keule mit dem Morgenstern getroffen (taz).

Und hier hörst du den Stadionsprecher, wie er im Moment der Euphorie die Leute noch vom Platzsturm abhalten wollte, weil das den Rasen noch mehr kaputt machen würde: O-Ton aus “Ball-Haus des Ostens” vom SFB

Was passierte danach?

Jens Tschiedel bekam von Steffen Menze die 100 Mark. Aber da jeder Spieler die unglaubliche Prämie von 32.000 Mark für den Finaleinzug erhielt, war das zu verschmerzen.

Der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, war auch im Stadion und versprach die Investition von 300.000 Mark in eine Lautsprecher-Anlage. Denn die war nur ausgeliehen.

Der Vertrag von Trainer Georgi Wassilev lief im Sommer aus und Heiner Bertram wollte über die Vertragsverlängerung erst nach Zweitliga-Aufstieg reden (Kurier). Denn das war ja das eigentliche Ziel von Union und da stand das Team noch nicht auf einem Aufstiegsplatz in der zweigleisigen Regionalliga. Das führte zu der komischen Situation, dass Torhüter Sven Beuckert als Pokalheld nach dem Spiel einerseits den erwartbaren Satz sagte: „Die Mannschaft hat sich heute reingeschossen in den Schlamm.“ Aber er sagte dann auch: „Wir müssen uns jetzt ganz auf die Meisterschaft konzentrieren – das Finale ist noch weit weg.“

Fragen an Hans Meyer nach dem Spiel (Berliner Zeitung):

Frage: Nach der 2:1-Führung bis zur 80. Minute schien ihr Team auf der Siegerstraße. Wie erklären sie sich den Einbruch?

Meyer: Junger Mann, ich bin 30 Jahre in dem Job, da kann mich nichts mehr überraschen. Versuchen Sie nicht, im Fußball immer logische Erklärungen zu bekommen. Jeder weiß, dass Union besser als Magdeburg ist, aber schlechter als Bayern. Trotzdem haben die Bayern in Magdeburg verloren. Und Köln auch. Wir sind auch schlechter als Köln. Ach wissen Sie was: Ich kann es Ihnen nicht erklären. Zitieren Sie einfach einen Psychologen.

Frage: Wie sehr ärgert Sie das Ausscheiden?

Meyer: Ich habe immer gesagt, wenn man das Endspiel nicht erreicht, sollte man sich im Pokal schnell davonstehlen. Je weiter du kommst, um so mehr schmerzt das Ausscheiden. Eine Riesenchance für den Klub ist dahin. Gladbach hat Schulden und hätte sich im Finale etwas sanieren können. Das kann ja nun Union weiter tun.

Frage: Eine Sympathiebekundung für ihren alten Verein, bei dem Sie vor über fünf Jahren gearbeitet haben?

Meyer: Ich finde es stark, wenn ein Klub Riesenprobleme hatte und sich über Leistung in den Vordergrund schiebt. Ich sehe, bei Union gibt es jetzt VIP-Zelte en masse. Zu meiner Zeit lag bei der Pressekonferenz noch ein Brötchen auf dem Tisch – das vermisse ich heute.

Frage: Stimmen Sie dem Urteil zu: Es war ein Klasse-Pokalspiel.

Meyer: Sind Sie Unionfan oder was? Wir haben auf einem beschissenen Boden viel Rasse gesehen. Wunderschön alles, oder? Union hat seinen Heimvorteil prima genutzt – vielleicht kriegen die beim DFB durch, dass sie das Finale auch hier spielen können statt im Olympiastadion.

Und in der Meisterschaft? Da spielte Union danach nur Unentschieden in Wattenscheid und holte zu Hause nach 0:2 Rückstand noch in letzter Minute ein 2:2 gegen Braunschweig. Danach forderte Präsident Heiner Bertram eine kleine Siegesserie. Und die Mannschaft? Die gewann dann 10 Spiele am Stück und stieg in die Zweite Liga auf. Aber das ist eine andere Geschichte.

On Air:

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avatar Sebastian Fiebrig
Die Musik wurde von David erstellt und die Logos von Steffi entworfen. Der Podcast beruht auf dem Konzept des famosen Geschichts-Podcasts Zeitsprung von Daniel Meßner und Richard Hemmer. Danke für alles!

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2 Kommentare zu “#11 – Schneeschippen für das DFB-Pokal-Halbfinale gegen Mönchengladbach

  1. Das Landespokalspiel gegen NNW mag ungeliebt gewesen sein, ein Pflichtspiel war es aber dennoch…

  2. Beim Aufstieg gegen WHVen gab’s natürlich auch eine “Platzbegehung” durch die Fans! Ritter Keule hatte während des Spiels den “anderen” Spielstand immer angezeigt!

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